Der Jahrgang Luchs grüßt die Eminenz

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Als Brian, Justin und Emmett die Terrasse betraten, war der Garten für einen Moment vollständig besetzt, ohne schon unübersichtlich zu sein.
Vittorio stand nahe der Balustrade, Mary neben ihm, Fiona und Meghan etwas dahinter. Justine blieb zwischen ihrer Familie und ihren Freunden. Lito hatte sich rasch mit dem Aperitif versöhnt, Wolfgang betrachtete die Schalen mit Oliven, als müsse er entscheiden, ob sie Luxus oder Lebensmittel waren, und Sun stand dort, wo das Mondlicht einen Kreis zwischen den Schatten der Zitronenbäumchen formte.
Bianca reichte Brian ein Glas.


„Danke“, sagte Brian.


„Bitte, Signore.“


Emmett nahm sein Glas mit deutlich größerer Andacht. „Ich möchte festhalten, dass ich noch nie so freundlich eingeschüchtert worden bin.“
Justine warf ihm einen Seitenblick zu. „Warte das Essen ab.“
Unten auf dem Wasser wurde ein Motor leiser. Dann hörte man nicht mehr das gewohnte Anlegen eines kleinen Bootes, sondern ein anderes Geräusch: gleichmäßiges Rudern, Holz in Dollen, Stimmen, die sich ordneten.


Vittorio wandte sich um.
„Ah“, sagte er. „Meine jungen Gäste.“
Mary sah zur Bucht hinunter. „Noch mehr?“
„Nur für einen Gruß. Sie lagern auf der Nachbarinsel. Ich habe dem Leopoldinischen Militärgymnasium erlaubt, dort sein Camp Griechenland aufzuschlagen.“
„Militärgymnasium?“ Brian blickte zu Justin. „Natürlich. Was wäre ein katholischer Aperitif ohne Kadetten auf einer Barke?“
„Österreichische Kadetten“, ergänzte Vittorio.


„Das macht es besonders speziell und sicher vielsprachig.“
Meghan trat unwillkürlich näher an die Balustrade. Auch Fiona sah nun hinab. Das Wasser unterhalb des Gartens war dunkel, aber die Barke führte Laternen an Bug und Heck. Ihr Licht zitterte auf den Wellen. Das Boot war breiter als die kleinen Motorboote und lag ruhiger im Wasser. Es ankerte vor dem Steg, gerade weit genug entfernt, dass die Gruppe auf der Terrasse alle sehen konnte.
Die Kadettinnen und Kadetten standen in zwei Reihen. Goldene Röcke oder Hosen und darüber fliederfarbene Jacken und Hüte. Der Anführer trat einen Schritt vor, sobald die Barke fest lag.


„Kadett Lorenz Mehlstaub“, sagte Vittorio leise. „Ein sehr ernsthafter junger Mann. Genau richtig für sein Alter, voller Ideen und künstlerisch begabt, aber leicht multidimensional-unfokussiert.“


„In Australien gibt es vier Kadettenanstalten, aber keine mit Mädchen“, sagte Mary.
Vittorio hob die Hand als Zeichen, dass sie beginnen konnten.
Mehlstaub verneigte sich zur Terrasse hinauf. Seine Stimme war hell, aber sicher.
„Eminenz, verehrte Damen und Herren. Der Jahrgang Luchs des Leopoldinischen Militärgymnasiums dankt für die Gastfreundschaft auf der Nachbarinsel und erlaubt sich, einen Abendgruß darzubringen.“
Emmett beugte sich zu Justin. „Jahrgang Luchs. Ich will sofort ein Wappen.“
Justin sah nicht von der Barke weg. „Die haben bestimmt eins.“


„Ich fühle mich schon ganz luchsig.“


Mehlstaub wandte sich kurz zu seiner Gruppe. Die Namen gingen nicht einzeln über die Terrasse, aber Justin fing einige auf, weil sie von der Ordnung der Reihe fast sichtbar gemacht wurden: Baueregger, Disep, Götz, Ivancsics, Ledermüller, Mehlstaub, Neuner, Rauscher, Rozsenich, Stanic und Wächter. In der zweiten Reihe standen die Kadettinnen: Auerbäck, Brunner, Dopona, Fahrner, Gallos, Holzer, Krenn, Maerschalk, Seidl und Wasinger.
Sie wirkten wie junge Menschen, denen man beigebracht hatte, aufrecht zu stehen, in zehn Sprachen zu reden und dabei wie bewegliche Buchstaben des Namens Österreich durch die Welt zu spazieren.
Ein Kadett mit dunklem Haar trat vor. „In Erinnerung an Kardinal Rauscher“, sagte er, „der der Kirche in Österreich Form, Stimme und staatliche Bedeutung gab.“
Vittorio senkte leicht den Kopf.


Der Kadett sprach den ersten Satz auf Deutsch, klar und feierlich.
„Bildung ohne Gewissen ist nur geschicktere Versuchung.“
Neuner antwortete auf Englisch: „Discipline is not the enemy of freedom, but its first difficult grammar.“
Dann folgte Auerbäck auf Französisch mit heller Stimme: „La foi ne doit pas craindre l’esprit; elle doit craindre seulement la lâcheté.“
Darauf folgte Russisch durch Götz. Wolfgang hob leicht den Kopf, als einer der Kadetten mit überraschend sauberer Aussprache sprach. Sun sah zu ihm hinüber und bemerkte das kleine, unfreiwillige Anerkennen in seinem Gesicht.


Zum Schluss kam Griechisch vonLedermüller. Perfekt, geradezu geübt genug, dass der Bootsführer unten am Steg lächelte und zustimmend nickte. Der Satz war lang, mehr ein Grußwort als ein Zitat von Kardinal Rauscher. Frieden dem Haus, Dank dem Gastgeber und Ehre den Toten.
Meghan senkte bei dem letzten Wort den Blick.
Vittorio schwieg einen Moment, bevor er antwortete. „Ich danke dem Jahrgang Luchs. Und ich danke besonders dafür, dass ihr vier Sprachen bemüht habt, ohne eine einzige davon zu misshandeln. Das ist in der Diplomatie seltener, als man denkt.“


Ein leises Lachen ging über die Terrasse und über die Barke. Die Spannung, die seit der Ankunft der Gäste im Garten lag, löste sich für wenige Atemzüge.
„Sie unterrichten dort wirklich Englisch, Französisch und Russisch?“ fragte Brian.
„Und Griechisch, Latein und noch zehn Sprachen“, sagte Vittorio. „Wenn junge Menschen schon auf Inseln geschickt werden, sollen sie mehr lernen als Botanik.“


Emmett war begeistert. „Ich hätte in so eine Schule gehen sollen.“
Brian sah ihn an. „Du hättest dort vier Tage überlebt.“
„Mit den richtigen Vokabeln sehr viel länger.“


Mary betrachtete die Barke mit prüfender Neugier. „Das sind viele Namen für ein Boot.“
„Es sind viele Familien für ein Land“, sagte Vittorio. „Österreich hält sich gern kompliziert.“
Wolfgang nahm sein Glas. „Wenigstens ist es ein Land, wenn auch mit vielen Sprachen.“
Sun hörte nur halb zu. Die gleichmäßige Haltung der Kadetten gefiel ihr, weil junge Körper in gemeinsamer Übung für einen Augenblick aufhörten, unsicher zu wirken. Sie sah hinunter auf die kleine freie Fläche hinter dem Haus, die sie beim Heraufgehen bemerkt hatte. Ein Hof aus hellem Stein, von drei Mauern geschützt. Still genug. 
Sie wartete, bis Vittorio seinen Gruß beendet hatte, dann trat sie einen Schritt zu ihm.
„Vater Vittorio?“


Er wandte sich ihr freundlich zu. „Ja, Fräulein Bak?“
„Wäre es möglich, später den kleinen Hof hinter dem Haus zu benutzen? Für einige Mediationsübungen. Nur kurz. Der Ort ist ruhig.“
Vittorio nickte sofort. „Natürlich. Solange niemand dabei versucht, katholische Statuen in Lotusstellung zu bringen.“
Lito lächelte. „Das wäre meine Aufgabe.“
Sun neigte leicht den Kopf. „Danke.“


Mary hatte die Bitte gehört. „Meditation?“
„Ja.“
„Auf einer Trauerfeier?“
Sun sah sie ruhig an. „Gerade dann.“
Mary erwiderte nichts.
Unten auf der Barke wurde die Ordnung gelöst. Die Jugendlichen sprachen leiser miteinander, einige lachten, einer beugte sich zu einer Kadettin und zeigte zum Haus hinauf. Der Gruß war vorbei, aber niemand fuhr sofort ab.
Vittorio stellte sein Glas ab.


„Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen.“
„Sie gehen hinunter?“ fragte Fiona.
„Ja. Ich habe ihnen Baklava versprochen.“
„Das ist glykologisch sicher wertvoll“, sagte Emmett. „Darf ich mitkommen?
„Gern. Honig und Zucker sind eine sehr unterschätzte Form der Seelsorge.“
Vittorio mit Emmett ging zur Treppe. Bianca erschien bereits mit einer großen flachen Dose, sauber mit Tuch ausgeschlagen. Er nahm sie ihr ab, aber sie reichte ihm zusätzlich eine kleinere Tüte.
„Für jene, die behaupten, sie mögen keinen Honig“, sagte sie.
„Also für Pistazianer?“


Er ging die Treppe hinunter. Auf der Terrasse folgten ihm alle mit den Augen. Der schwarze Talar bewegte sich zwischen den hellen Mauern, wurde in den Schatten kurz verschluckt und erschien wieder im Licht der unteren Laterne.
Justin trat neben Brian an die Balustrade.
„Das sieht aus wie ein Gemälde“, sagte er.
„Alles hier sieht aus wie etwas, das du gemalt hättest“
„Und du magst es?“


„Ich mag, dass es funktioniert.“
Emmett kam dazu und legte die Hände auf die Balustrade. „Ich mag, dass ein Kardinal persönlich mit Baklava zu Kadetten hinuntergeht. Das ist so europäisch charmant.“
Unten hatte Vittorio den Steg erreicht. Mehlstaub stand wieder gerade, doch die anderen waren weniger streng als zuvor. Einige beugten sich vor, als die Dose geöffnet wurde. Der Duft von Honig, Nüssen und Butter schien selbst bis zur Terrasse heraufzusteigen, vielleicht weil alle ihn erwarteten.
Vittorio sprach ein kurzes Gebet. Nicht laut genug, dass jedes Wort oben zu verstehen gewesen wäre. Dann machte er das Kreuzzeichen über die Barke und die jungen Leute neigten die Köpfe. Selbst die unruhigeren unter ihnen standen für diesen Moment still.


Danach verteilte er Baklava.
Es dauerte länger, als es hätte dauern müssen, weil er mit jedem kurz sprach. Mehlstaub bekam als Erster ein Stück. Dann die Kadettinnen und Kadetten in den beiden Reihen. Die Ordnung hielt, aber sie wurde weicher.
Schließlich trat Fabio Disep vor. Er hatte bis dahin neben Mehlstaub gestanden, mit einer Flasche in beiden Händen. Er übergab sie Vittorio mit sichtbarem Ernst.
„Eminenz, als Dank des Jahrgangs. Ein steirischer Uhudler. Nicht ganz liturgisch, aber ehrlich resch.“
Vittorio nahm die Flasche und betrachtete das Etikett im Laternenlicht.
„Fabio, wenn ein Getränk ehrlich ist, ist es der Liturgie manchmal näher, als parfümierte Kunstprodukte aus der Chemiefabrik.“


Einige lachten. Disep verneigte sich zufrieden und streichelte sich kurz seinen imaginären Bart.
Auf der Terrasse hob Mary die Augenbrauen. „Uhudler für einen Kardinal.“
„Ich mag Österreich“, sagte Brian. „Es scheint nicht immer zu wissen, ob es betend trinken oder trinkend beten will.“
Wolfgang sah ihn an. „Das ist kein Widerspruch.“
Lito hob sein Glas. „In Mexiko auch nicht.“
Sun schaute nicht mehr zur Barke, sondern zur Kapelle über ihnen. Der Abend hatte für einen Moment eine fast harmlose Ordnung angenommen: junge Stimmen auf dem Wasser, Honiggebäck, ein Segen, Lachen im Wind. Aber der Hof hinter dem Haus blieb in ihrem Kopf: Freundlich, hell, still und windgeschützt.


Ein Ort, an dem man sitzen konnte.
Unten löste sich die Barke vom Steg. Vittorio blieb noch einen Augenblick am Wasser stehen, die Flasche Uhudler in der Hand, und sah ihr nach. Dann wandte er sich um und kam langsam die Treppe wieder hinauf.
Bianca stand in der offenen Tür des Hauses. Hinter ihr war warmes Licht, vor ihr der Garten. Sie sah nicht zur Barke. Sie sah auf die Uhr.

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